Ich habe meine Axt nun gut ein dreiviertel Jahr und bin sehr zufrieden mit dem Instrument. Ein paar Kleinigkeiten gab es dennoch die man hätte ändern können. So waren zum Beispiel die fünf Stellungen des Pickupwahlschalters eigentlich überflüssig, da ich aufgrund der Ähnlichkeit im Klang meist nur drei davon verwendet habe. Da nun in den letzten Wochen ein paar neue Probleme hinzukamen war der Entschluss gefasst sich nun doch ernsthaft mit dem Thema Gitarrenelektronik auseinander zu setzen und die Gitarre einer Inspektion zu unterziehen.
Auslöser war eine seltsame Änderung des Klangs während einer Unterrichtsstunde und ein kompletter Aussetzer abends daheim der sich von alleine wieder behob. Kalte Lötstelle?
Auf zur Inspektion:
Ein Blick ins E-Fach der Gitarre offenbarte zunächst einen unverständlichen Wust an Kabeln.
Also Multimeter gesucht und Schaltung nachvollzogen. Dabei direkt an der Erdung der Buchse auf dem Lautstärke-Poti die kalte Lötstelle gefunden. Lötkolben drauf und gleich nochmal getestet. Diesmal keine Probleme mehr. Eigentlich war damit schon alles erreicht hätte mich die Neugier nicht gepackt. Wie viel Aufwand es wohl ist den Schalter zu tauschen? Auf den Original verbauten Schalter bin ich im Netz bei images.made.in.china.com gestoßen. Naja!?
Auf der Suche nach den Geheimnissen der E-Gitarre bin ich im Netz über viele Interessante und hilfreiche Seiten gestolpert. So findet man beim Hersteller der Pickups schon fast alles was man braucht. Pickupverkabelung, verschiedenste Schaltungen und die ein oder andere Erweiterung wie zum Beispiel ein Treble-Bleed, oder einen Killswitch. Der Treble-Bleed ist ein einfacher Kondensator der als Hochpassfilter verhindert, dass beim leiser drehen die Höhen verschwinden.
Bevor aber die alte Schaltung zerlegt wird muss diese erst verstanden werden. Ein Techniker ist zwar nicht weit aber das Geld kann auch gespart werden. Also wieder mit dem Multimeter die Schaltung nachvollzogen und dabei auf eine ganze Reihe weiterer Verbesserungsmöglichkeiten gestoßen.
Die Elektrik:
Zu den besten Seiten die sich mit der Funktionsweise einer E-Gitarre befassen, gehören für mich ohne Zweifel die Seite vom Onkel und die von Helmut Lemme. Bei Helmut Lemme bin ich auf einen Schalter namens C-Switch gestoßen. Eine in sechs Stufen schaltbare Kondensatorschlatung welche die Resonanzfrequenz ändert wodurch der Ton wärmer wird ohne mumpfig zu werden.
Weitere hilfreiche Links:
SeymourDuncan.com
GuitarElectronics.com
1782.com
Der Plan:
Viele Zeilen Text und unzählige vollgekritzelte Blätter später hatte mich das Bastelfieber gepackt und ein Plan war gefasst. Die verwendete Schaltung wurde um einen Push/Pull Schalter erweitert welcher die Phasenumkehr schaltet. Dieser ersetzt den normalen Volumen-Poti. Der Ton-Poti wird durch einen C-Switch ersetzt.
Mit dieser Schaltung ergeben sich acht unterschiedliche Pickup Zusammenstellungen. Die gleichphasig angesteuerten Pickups werden hier in grün, die gegenphasigen Zustände in rot dargestellt.
Das Werkzeug:
Das Material:
Das Pflichtenheft:
Die Gurtpins und das Augenblech waren schnell repariert. Hier wurde ab Werk zu großzügig vorgebohrt um das Holz beim einschrauben der Schrauben nicht zu spalten. Also einen geviertelten Spiess auf die Tiefe des Lochs abgelängt und eingeklebt. Fertig!
Nachdem dann die alte wie die neue Schaltung verstanden waren konnte es losgehen. Runter mit den Saiten und erst mal die ganze Gitarre in Frischhaltefolie eingepackt. Da könnte Christo neidisch werden. Das Zeug klebt auf dem glatten Lack ohne ihn anzugreifen und schützt die Gitarre gut vor Kratzern. Das E-Fach kann man dann recht einfach mit einem Skalpell freilegen ohne das die Folie verrutscht. Während der Arbeit kam zusätzlich noch ein Mikrofasertuch als Unterlage zum Einsatz. Heisser Lötkolben und Plastikfolie……das riecht nach einer Katastrophe!
Schritt 1: „Nur die gute Elektronik bleibt drin!“
Schritt 2: „Was kann die alte Abschirmung?“
Einfache Antwort: Nicht viel!
Der Lack ist ganz offensichtlich mit einer gewissen Hastigkeit aufgetragen worden und alles andere als flächendeckend. Widerstandsmessung ergaben nicht gerade berauschende Werte von 50Ohm und mehr und durchklingeln war nicht möglich. Auch waren die einzelnen Kammern nicht miteinander verbunden und nur mit Glück über die Pickupgehäuse geerdet……oder halt auch nicht.
Schritt 3: „Abkleben“
Hier kommt noch mehr Frischhaltefolie und Malercrep zum Einsatz.
Schritt 4: „Neue Abschirmung“
Hier wurde vor dem Lackieren ein Kupferklebeband in jede der Pickupaussparungen und das E-Fach geklebt und ein dünnes Kabel aufgelötet, welches die einzelnen Kammern verbindet. Nochmal schnell durchgemessen um sicher zu stellen, dass die Lötverbindungen auf richtig sitzen. Dann die Abklebung noch dreimal geprüft und verbreitert, damit der lösungsmittelhaltige Lack auch ja nicht an die Frischhaltefolie kommt und diese auflöst oder so. Besser auf Nummer sicher gehen. Dann beherzt mit flüssigen Bewegungen die Kammern nach und nach lackiert. Memo an selbst: Gitarre erst wenden wenn Lack getrocknet!
An der Buchsenbohrung war ein wenig Lack trotz aller Vorsicht auf den Gitarrenlack gekommen. Zum Glück war das bisschen nach dem Abtrocknen ganz leicht von der Gitarre zu „kratzen“ und polieren. Puh! Glück gehabt! Und was kann nun der neue Schirmlack? Innerhalb der Pickupvertiefungen maximal 4Ohm und von der Hals- über die Brückenvertiefung bis zum E-Fach grade mal 20Ohm und das Ganze flächendeckend. Durchklingeln uneingeschränkt möglich! Erfolg!
Die 200ml Dose EMV35 ist nur wenig teurer als die angebotene Kupferfolie und lässt sich viel besser verarbeiten. Auch reicht die Dose für 2-3 solcher Projekte wohingegen die Folie eventuell nicht mal für eines reicht, wie man immer wieder liest. Die Innenseite des Plastikdeckels ist bereits ab Werk mit einer gut leitenden Folie überzogen, sodass hier keine weiteren Schritte notwendig waren.
Die Zeit die der Lack zum trocknen braucht kann man gut anderweitig nutzen.
Zum Beispiel für ein lecker Zwiebelgulasch. Wer unterzuckert hat zittrige Hände und mit denen macht Löten keinen Spaß!
Schritt 5: Mini Push/Pull – Poti
Den Minischalter will man sicherlich nicht erst verlöten wenn er bereits im Gehäuse eingebaut ist.
Hier müssen nun nach und nach verschiedene Teile der Schaltung dran. Phasenumkehr, Treble-Bleed, Masse, Signal, C-Switch und Pickup. Eine ganze Menge Kabel!
Da der empfohlene Wert des Kondensators für das Treble-Bleed irgendwo zwischen 22pf und 220pF liegt und das Ding später extrem unzugänglich ist musste hier eine flexible Lösung gefunden werden, welche es erlaubt die Kondensatoren einfach auszutauschen. Hier kam mir eine Art Jumper aus dem Computerbereich ganz recht der als ein-adriges Kabel ausgeführt war. Plastikkappen runter, Schrumpfschlauch drauf und in der Mitte auseinander gezwickt. Durch die Metallspangen im Inneren ein solider Kontakt mit den Kondensatorbeinchen.
Schritt 6: „C-Switch? Si!“
Als nächstes wird der C-Switch an den Poti gelötet.
Schritt 7: „Der Fender 5-Way-Super-Switch“
Genauso sperrig wie seine Bezeichnung erweist sich der Schalter auch beim Einbau. Er ist durch seine vier getrennten Schalter auf zwei Ebenen deutlich größer und tiefer als der „Made In China“ aber er passt. Doch bevor es an den Einbau geht muss auch dieser Schalter ein paar Modifikationen unterzogen werden.
Hier mit den Brücken für das Signal und den beiden Folienkondensatoren die als Brummunterdrückung im Single-Coil betrieb dienen sollen. Die Kondensatoren zu beschaffen erwies sich als gar nicht so einfach. Ich wurde schließlich bei RS-Components und im Keller fündig. Die beiden hier verbauten haben eine Kapazität von 100nF. Der empfohlene Bereich liegt zwischen 22 und 220nF. Nicht mit den Picofarad fürs Treble-Bleed verwechseln!
Noch was zum Thema Kondensatoren. Viele der englischsprachigen Seiten im Netz verwenden als Einheit für die Kapazität [MF] anstelle von [mF], also Megafarad. Zum Glück bekommt man diese Brummer nicht in so ein mickriges Fach
Es sind auch hier immer Millifarad gemeint.
Schritt 8: „Der Einbau in die Gitarre“
Dieser Schritt war sehr nervenaufreibend. Zum einen war es schon recht spät, zum anderen erwiesen sich das ein oder andere zuvor verlötete Kabel als zu kurz oder zu dick (Ja Obelix ich weiß, du nicht!) und musste ausgetauscht werden!
Das blanke Kabel der Pickups erdet deren Gehäuse und schirmt das Kabel. Da die Gehäuse aber auch mit dem Schirmlack in Kontakt kommen können wurden die Metallteile auf der Rückseite der Pickups mit Isolierband ab geklebt und die Erdungsdrähte auf das Volumen-Potigehäuse gelötet. Sollte also keine Massenschleife entstehen. Auf das Volumen-Potigehäuse wurde auch die Saitenerdung glötet. An mancher Stelle wird diskutiert ob man diese mit einer guten Schirmung überhaupt noch braucht aber ich wollte erstmal nicht darauf verzichten. Für zukünftige Experimente kommt man an die Lötstelle gut dran. Dann folgten der 5-Wege-Schalter sowie das Push/Pull und der C-Switch. Wie gesagt nervenaufreibend! Nachdem dann alles wieder an Ort und Stelle war wurde die Schaltung in ihren verschiedenen Zuständen durchgemessen. Keine Kurzschlüsse und bisher kein Kontakt zwischen Schild und Signalmasse. Sieht gut aus!
Schritt 9: „Soundcheck zur Geisterstunde“
Nachdem die „Innereien“ fertig sind, muss nun noch die Buchse wieder dran. Erst hier werden Signal- und Schildmasse wieder zusammengelegt. Nach den kniffeligeren Stellen war das dann wirklich nur noch die Pflicht. Ein paar Kabel an Lötösen befestigen, Kinderspiel! Nochmal nachgemessen und zwei der alten Saiten wieder aufgezogen, einen kleinen Inbusschlüssel zum Abklopfen der Pickups gegriffen und ran an den Verstärker. Erster Test nach dem Einstecken? Führen die Saiten eine Spannung? Nein! Gut. Also wie klingt sie nun?
Doch oh Schreck. Sonntagmorgen 0:30 und kein Mucks kommt aus dem Verstärker. Ruhe bewahren. (pun not intended!) Verschiedene Schalterstellungen ausprobiert, immer noch kein Ton. Hmm? Lautstärke? Nein die ist es auch nicht. Nach kurzer Suche war das Problem gefunden und nachdem der Kopfhörer ausgesteckt war erklangen die ersten Töne der noch völlig verstimmten Saiten. Leichtes antippen der Pickups mit dem Inbusschlüssel zeigte dann auch schnell, dass alle Schaltungszustände einwandfrei funktionieren. Die Uhrzeit war vergessen! Schnell die restlichen Saiten aufgezogen und gestimmt und siehe da sie singt, jammert und schreit wie nie zuvor. Die Single-Coils brummen so gut wie gar nicht, der Klang ist für meine Ohren sehr gut und die Auswahlmöglichkeiten sind vielseitiger als zuvor.
In naher Zukunft gibt es an dieser Stelle auch für euch was auf die Ohren!
Fazit:
Am Ende ist aus der Reparatur einer simplen Lötstelle, eine komplette Überholung der Elektronik und Abschirmung geworden. Auch wenn es viel Arbeit und manchmal Nerven gekostet hat bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Wieder eine Facette dieses wunderbaren Instruments mehr die man ein bischen besser versteht. Auch wenn eine gewisse Grundkenntnis der Elektronik und Geschick mit dem Lötkolben Voraussetzung für einen solchen Umbau sind, kann man fast alles an Information im Netz finden. Wichtig ist allerdings die Schaltungen nachzuvollziehen und zu verstehen. Die Pläne im Netz sind zwar sehr einfach aber wie die Erfahrung zeigt nicht immer richtig. Löten nach Zahlen, nein Danke! Für die eigenen Pickups findet man die Belegung beim Hersteller und jeder verwendet eine andere Farbkodierung!
Die kommenden Tage werden noch neue Saiten aufgezogen, Saitenlage und Oktavreinheit neu justiert und die Axt mal wieder ordentlich gepflegt. Das nächste Projekt liegt in der Zukunft aber sobald ich eine Paula mein eigen nennen kann werde ich ihren vier Potis zu Leibe rücken, die Potis durch Push/Push-Potis (die coolere Variante der Push/Pulls) ersetzen und eine Jimmy Page Schaltung einbauen. Sucht mal bei der Tube nach „Jimmy Page Wiring“.
Einfach Wahnsinn!
Rock on!
Knubbelix





























